HVG Germany: Hopfen

Vorgeschichte
Genossenschaften sind ein Kind des 19. Jahrhunderts. Industrialisierung und freie Marktwirtschaft lösten in seinem Verlauf gewaltige gesellschaftliche Umwälzungen aus. Auf dem platten Land verschwanden mehr und mehr die geregelten Strukturen der Dorfgemeinschaften. So wurden aus Bauern, die über Jahrhunderte vor allem für ihre Selbstversorgung gewirtschaftet hatten, allmählich unabhängige Landwirte. Produktion und Verdienst regelte nun der "Markt". Mit dessen Undurchschaubarkeit und Sprunghaftigkeit mussten sich die neuen "Agrarunternehmer" nun auseinanderzusetzen. Die Genossenschaftsidee versuchte, deren Vereinzelung in einem neuen Gemeinschaftsprinzip aufzufangen. Durch die Gewährung günstiger Darlehen (Raiffeisen), günstiger Einkaufsmöglichkeiten für den landwirtschaftlichen Bedarf (BayWa) oder die gemeinsame Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte wollte man die Mitglieder unabhängiger von Marktgeschehen und Händlergunst machen.
Nirgends im Agrarbereich entwickelte sich das freie Spiel der Kräfte von Angebot und Nachfrage ungezügelter als beim Hopfenbau. So lange das "Hopfenroulette" - jedenfalls theoretisch - enorme Gewinne versprach, nahm man das charakteristische Auf und Ab der Hopfenpreise gerne in Kauf. Als jedoch gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Hochlagen der Preise immer seltener ausfielen, brauchte es nicht lange, um auch im Hopfenbau die neuartige Genossenschaftsidee durchzusetzen. 1896 gründete Pfarrer Simon Eisenmann in Abens die erste Hopfen-Verkaufsgenossenschaft der Hallertau. Ihr folgten andere wie die "Bayerische Zentralhopfen-Verkaufsgenossenschaft" oder die "Hopfenbank AG" in Wolnzach. Ausnahmslos alle verschwanden nach einigen mehr oder minder erfolgreichen Jahren schnell wieder von der Bildfläche. Die Gründe hierfür waren letztlich immer die gleichen: Einerseits musste das genossenschaftliche Solidaritätsprinzip der mächtigen Hopfenhändlerschaft zwangsläufig ein Dorn im Auge sein, weswegen sie die Genossenschaften stets nach besten Kräften boykottierte. Andererseits waren deren Mitglieder auch häufig selbst Schuld: Denn aktiv sollten ihrer Meinung nach die Genossenschaften nur dann werden, wenn die Hopfenpreise im Keller landeten. Folglich war´s in guten Zeiten schnell vorbei mit der Solidarität und die gewohnte Preisspekuliererei erblühte wieder in voller Pracht.
Es brauchte schon eine gewaltige Hopfenmarktkrise wie die gegen Ende der 1920er Jahre, um der Genossenschaftsidee im Hopfenbau zum ersten Mal umfassend Gehör zu verschaffen. Auf Initiative des späteren Präsidenten im Deutschen Hopfenpflanzerverband, Franz Edler von Koch, gründete man 1930 die "Deutsche Hopfenverkehrsgesellschaft mbH" mit Sitz in Nürnberg, kurz DHVG. Ihr Aufgabenfeld sollte vor allem in marktbereinigenden Maßnahmen liegen, also darin, unverkäuflichen Hopfen aufzukaufen, um damit die Preise zu stützen. Allzu lange konnte aber die "Stützung" - so der Ehrenname der DHVG unter den Pflanzern - nicht frei agieren. Denn mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde die DHVG in den Reichsnährstand eingegliedert und zum "Vollzugsorgan der deutschen Brauwirtschaft im Reichsnährstand" umgewandelt. Koch zog sich zurück. Aus der Solidargemeinschaft von Hopfenpflanzern wurde ein Zentralverband, in dem sich nun auch Hopfenhändler und Brauer organisierten.
Diese Vermischung war eine wesentliche Ursache dafür, dass die DHVG nach dem Zusammenbruch des "1000-jährigen Reiches" nicht mehr allzu lange wirken konnte. Erst nach aufreibenden Prozessquerelen wandelte sie sich 1952 wieder zurück zum reinen Genossenschaftsorgan der Hopfenpflanzer. Als jedoch ein Jahr später der Hopfenmarkt einen fulminanten Zusammenbruch erlebte, bedeutete dies auch das Ende der DHVG. Sie musste Konkurs anmelden.